Hot Pot in Beijing

Hot Pot in Beijing

Unsere jüngste Tochter, Carolin, eine gelernte Hotelfachfrau und studierte Hotelmanagerin, erhielt nach ihrem Studium in der Schweiz ein Angebot, für einige Zeit in einem First-class-Hotel in der Nähe von Peking an der „großen Mauer“ zu arbeiten. Freudig nahm sie die Gelegenheit wahr, denn es zog sie schon seit langem in die weite Welt hinaus. Natürlich freute es uns als Eltern für sie, gleichzeitig waren wir etwas traurig, denn wir konnten nicht mehr hinterherfahren. Wir besorgten uns eine Webcam und richteten eine Skype-Verbindung ein, so dass wir ab und zu mit ihr am Wochenende telefonieren konnten. Allerdings musste sie vor allem an den Wochenenden im Hotel arbeiten und sie hatte acht Stunden Zeitvorsprung, so dass uns nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung stand. Meistens lag sie schon mit gewaschenen Haaren im Bett, wenn wir am frühen Samstag- oder Sonntagnachmittag mit ihr skypten.

Caro genoss den Luxus eines eigenen Zimmers in der Wohnung ihrer Gastfamilie. Sie zeigte uns das Zimmer mit der Kamera und wir waren zufrieden, dass alles so schön aussah.

Ihre Gastmutti Helen war gleichzeitig eine Kollegin im Hotel, wenn auch nicht in der gleichen Abteilung. Helen hatte sich um Caro bemüht, zum einen damit ihr Sohn David etwas Gesellschaft hätte und noch dazu Gelegenheit bekäme, mehr englisch zu sprechen. Die Chinesen tragen gern einen englischen Vornamen, weil sie das schön finden und es für sie ein Zeichen des Fortschritts ist. David, ein 11-jähriger fröhlicher Junge, war ein typischer Vertreter der seit einigen Jahren von der chinesischen Regierung propagierten 1-Kind-Familie. Schulbildung, Sprachen und Kultur sind den Eltern sehr wichtig und auch bei David ist das so. Einer seiner Onkel kümmerte sich ausschließlich darum, David zur Schule zu fahren und von dort wieder abzuholen sowie nachmittags die Erledigung der Hausaufgaben zu überwachen. Helen hatte außerdem noch einen Englisch-Nachhilfeunterricht organisiert, den David etwas widerwillig absolvierte. In der wenigen verbleibenden Freizeit lernte er Saxophon spielen. Helens Mann war ein ziemlich hochrangiger Angestellter bei einer renommierten asiatischen Automobilfirma. Die Familie wohnte in einem bewachten Viertel im 4. Ring Beijings. Der erste Ring war das absolute Zentrum, also die „Verbotene Stadt“ und der Platz des Himmlischen Friedens. Der Stadtplan, den wir unserer Tochter vor der Reise besorgt hatten, ging nur bis zum dritten Ring und sie beklagte sich etwas darüber, dass ja nicht mal ihr Wohngebiet darauf wäre. Trotz allem war der vierte Ring noch relativ zentrumsnah und die Mieten damit noch ziemlich hoch. Man musste schon ein ganz gutes Geld verdienen, wollte man dort leben. Caros Arbeitsweg bis zum Hotel an der großen Mauer war trotzdem sehr weit und dauerte ca. 2,5 Stunden. Mit einem öffentlichen Bus fuhr sie zunächst Richtung Zentrum zu einer Haltestelle, wo sich die Angestellten des Hotels sammelten. Ein Shuttle-Bus brachte sie dann in den etwa 100 km entfernten Arbeitsort.

Nach einigen Monaten eröffnete sie uns, dass sie den Vertrag nicht verlängern würde und ihr noch ein paar Wochen blieben. Es verschlug uns fast die Sprache, als sie ausgerechnet uns fragte, ob wir nicht noch eine Woche gemeinsamen Urlaub in Beijing verbringen und sie gleichzeitig abholen wollten. Und ob wir wollten, wir mussten nur schnell die Urlaubsfrage in unseren Firmen klären und begannen dann emsig die Reise zu organisieren.

So kam es, dass wir am letzten Tag der großen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestages Chinas über den Platz des Himmlischen Friedens spazierten.

Unsere Tochter war unser Reiseführer und wir waren begeistert, nach welch kurzer Zeit sie sich bereits so gut auskannte und immer mit uns ans Ziel kam. Öffentliche Verkehrsmittel waren sehr preiswert und wir staunten über die vollständig verglasten U-Bahnsteige. Punktgenau nach dem Anhalten der Züge öffneten die Plexiglastüren, damit die Züge die Menschenmassen ausspucken und neue Passagiere aufnehmen konnten. Allerdings kam man nicht zu jedem beliebigen Ort mit der von uns bevorzugten U-Bahn, so dass wir auch relativ viel Taxi fuhren. Die großen Hotels gaben als speziellen Service Sightseeing-Heftchen mit den Adressen auf chinesisch und englisch mit, so dass die nur chinesisch verstehenden Taxifahrer entsprechend instruiert werden konnten. Unsere Tochter beherrschte ein paar Brocken Mandarin, so dass sie die Fahrtroute notfalls korrigieren konnte, wenn der Taxifahrer mehr an sein Geschäft als an einen kurzen Weg dachte. Manch einer schaute etwas düster, war man es in China ja noch nicht gewöhnt, dass eine junge Frau im Beisein von Männern resolute Anweisungen gab. Auch in anderer Hinsicht waren die Taxifahrten immer ein Erlebnis, der Fahrstil war äußerst rasant und wie es uns schien, kam das Auto oft in der allerletzten Sekunde maximal einen cm vom Vordermann getrennt zum Stehen. Vor allem bewunderten wir die als Transportmittel verwendeten Fahrräder und Mopeds, die überdimensionale Lasten beförderten, welche man in Europa in keinem Transporter unterbringen würde.

Caro hatte uns in einem sehr modernen Hotel in der Nähe ihrer Gasteltern untergebracht. Schon nach dem Durchschreiten der Drehtür wurden wir von zwei blutjungen in Uniformen gekleideten Hotelangestellten höflich begrüßt. Am Empfangstresen gab es in Form ständig reizend lächelnder Damen, mindestens fünf bis sechs an der Zahl, noch eine Steigerung dieser Höflichkeit. Wir waren buchstäblich im Land des Lächelns angekommen.

Im Zimmer flimmerten uns über einen riesigen Flachbildfernseher Bilder der schönsten jungen Chinesinnen entgegen, das geschmackvoll eingerichtete Bad war nur durch eine Glasscheibe vom Schlafraum getrennt und auch die Zimmer waren auf der Außenseite komplett verglast. So konnten wir schon vor dem Frühstück vom 8. Stock aus unter spitzem Winkel zusehen, wie die auf dem kleinen Vorplatz in einer Reihe angetretene Security-Mannschaft ihren Morgenappell abhielt. Ansonsten waren ringsum viele Hochhäuser locker angeordnet, dazwischen viel Grün und immer wieder vernahmen wir das Pfeifen von Lokomotiven, die durch das Stadtviertel rumpelten. Wage deutete Carolin uns an, wo in etwa das Wohnhaus der Gastfamilie lag, vielleicht einen knappen Kilometer Luftlinie entfernt. Abends wurde meinem Mann das Bett für seinen Einstieg schon vorbereitet, indem die Decke an einer Ecke zum Dreieck umgeschlagen wurde. Seine Pantoffeln standen exakt an dieser Stelle vor dem Bett.

Im Erdgeschoss gab es ein sehr gutes Restaurant, modern und schön eingerichtet. Gleich daneben befand sich eine Halle mit ungeheuer vielen kleinen gekachelten Wasserbecken voller lebendigen und zappelnden Meeresgetiers in anscheinend allen auf dem Erdball vorkommenden Arten, Formen, Größen und Farben, vieles, was wir noch nie gesehen hatten und nicht einordnen konnten. Wer im Restaurant aß, konnte zunächst aus dem Becken wählen oder der Fisch wurde an den Tisch zur Begutachtung gebracht und wenn der Gast einverstanden war, ganz frisch in der Küche zubereitet.

Ein großes Becken gab es auch, da schwammen munter zwei Seerobben drin rum. Zuerst schauten wir uns fragend an, kann es sein, dass…? „Nein Mama, die Seerobben sind als Attraktion gedacht, die werden hier nicht verspeist.“

Eines Abends wollte sie uns ihre Gastfamilie vorstellen, die liebe Gastmutti Helen, Helens Mann und Sohn David. Es war ein Hot Pot – Essen geplant, auf chinesisch Huo Guo, worunter wir uns überhaupt nichts vorstellen konnten. Dazu holte uns Carolin mit dem Taxi ab, weil die Gaststätte zu Fuß umständlich zu erreichen wäre. Auf dem Weg dahin meldete sich Helen, sie müsse heut länger arbeiten und wir möchten allein essen gehen. Wir verließen das Taxi und Caro ließ sich noch kurz den verbleibenden Weg beschreiben. Es dauerte ein Weilchen, bis wir über die etwas löchrigen Straßen stolpernd den gastlichen Ort gefunden hatten, schauten vorher in einige Garküchen und nicht so heimelig anmutende Restaurants.

Als hätte man nur auf uns gewartet, empfing uns ein ganzer Tross von Kellnern, feierlich gekleidet in schwarzen Hosen, schwarzen Hemden und weißen Westen. Man geleitete uns in den 2. Stock des Gebäudes, der ausschließlich dem Hot-Pot-Essen vorbehalten war. Ansonsten war der riesige Gastraum noch ziemlich leer. Schnell brachte man uns die Speisekarten, aber diesmal waren keine bunten Fotos der Gerichte dabei, die eine Auswahl erleichtert hätten. Also versuchten wir es auf englisch, was Caro perfekt beherrschte aber leider keiner der jungen Chinesen. Einer war dabei, der in der Schule ein paar Jahre Englischunterricht hatte, er wurde zu unserem persönlichen Kellner auserkoren.

Nach einer viertel Stunde holprigen Gesprächs war unsere Bestellung noch nicht aufgenommen, da die Verständigung diesmal außerordentlich schwierig war. Kurzerhand rief Carolin Helen an, erklärte ihr, was wir in etwa essen wollten und übergab das Handy dem jungen Mann. Er ging nun sehr gründlich die Karte mit Helen durch, zeigte dabei immer wieder auf die entsprechenden Zeilen, die nur er lesen konnte und gab besondere Empfehlungen ab. Nach langem Hin und Her wurde Carolin wieder in das Gespräch einbezogen, es musste noch etwas korrigiert werde, doch dann war man sich einig. Freudig gab der Kellner ihr das Handy zurück, zufrieden mit der so gut von ihm erfüllten Aufgabe.

Nun ging es sehr schnell und es wurde auf dem in der Tischmitte befindlichen Gaskocher der zweigeteilte Hot Pot aufgestellt, in der einen Hälfte ein teuflisch scharfer Sud und glücklicherweise in der andern ein Art milde aber gut gewürzte Brühe. Die hauchdünnen und gerollten rohen Fleischscheiben von Lamm und Rind waren auf einer Platte appetitlich angerichtet, das rohe Gemüse und der Lauch befanden sich mundgerecht zerkleinert in großen Schüsseln. Jeder konnte so viel und so lange er wollte Fleisch und Gemüse im brodelnden Sud garen. Zum Glück hatten wir dank meines Mannes schon in Deutschland einige Übung beim Essen mit Stäbchen erworben, mochte er doch nichts mehr als in speziellen Restaurants auch auf landestypische Art zu essen. Nach einer Weile kam unser Kellner beim scharfen Sud Wasser nachfüllen, da dieser so eingedickt war und die Schärfe für unseren Geschmack mehr als höllisch wurde. Es schmeckte alles wunderbar und als Krönung des Ganzen bat mein Mann den Kellner um eine Schüssel und einen Löffel, um sich etwas Sud wie eine Suppe abzufüllen. Er schmeckte sie mit den auf dem Tisch befindlichen Gewürzen ab und schlürfte die Schüssel zum Erstaunen der Kellner bis auf den Grund leer. Wie Ehrengäste wurden wir nach Begleichen der Rechnung aus dem Restaurant verabschiedet.

Mittlerweile ging es auf 21 Uhr zu und war dunkel geworden. „Ich bringe Euch jetzt nach Hause in Euer Hotel“ sagte Caro. „Können wir denn laufen“ fragte ich zurück. „Ja Mutti, aber Du musst ganz tapfer sein“. Mehr wollte Carolin in dem Moment nicht sagen. Ich grübelte, was sie meinte, kam aber kein Stück weiter. Wir liefen nun an halbfertigen Wohnhäusern vorbei, deren untere Etagen ursprünglich für Geschäfte geplant waren. Trotz des in ihnen brennenden spärlichen Lichtes sahen wir, dass sie im Rohbauzustand waren und ab und zu huschte eine Gestalt hindurch. Auch meinten wir in den Ecken Schlaflager oder evtl. ein Bettgestell zu erkennen. Nun glaubte ich den Grund der Warnung zu kennen und fragte Caro, ob sie die Obdachlosen gemeint hätte. „Nein Mama, die habe ich nicht gemeint und es sind Sicherheitsleute, die sich hier keine Wohnung leisten können.“

Auf einmal endete die Straße abrupt und wir mussten einen kleinen, von Büschen bewachsenen Sandhügel hinan steigen. Links und rechts von uns in einigen Metern Entfernung, sahen, besser gesagt, hörten wir andere Menschen, die parallel zu uns den kleinen Hügel erklommen. Dann begann Schotter und in dem Moment, in dem ich die Schienen erblickte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – die Bahnlinie trennte das Wohngebiet mitten durch. Nun mussten wir drei Gleise hintereinander überqueren und ich konnte mir nicht verkneifen, meine Tochter zu ermahnen, immer schön aufzupassen beim Überwinden der Gleise. „Ach Mama, das machen hier alle und die Züge fahren nicht so schnell wie zu Hause“. Die nächste Brücke war ca. 5 km entfernt und kam daher für eine Überquerung nicht in Frage. Durch die Erlebnisse der letzten Tage schon etwas vertraut mit den chinesischen Verhältnissen, fiel mir diese Art von Tapferkeit dann doch nicht so schwer.

Es folgten wunderschöne Tage, an denen wir die „Große Mauer“ und den Arbeitsort unserer Tochter im Nordosten Beijings kennenlernten, Paläste, Gärten, Tempel, das olympische Dorf und Ausstellungen besuchten, unter anderem das beeindruckende riesige Künstlerareal 798, auf dem ehemals Maschinenbaubetriebe angesiedelt waren und wir noch Maschinenständer mit Typenschildern aus DDR-Fabriken vorfanden. Endlich lernten wir auch die liebe Gastfamilie bei einem fröhlichen Peking-Ente-Essen kennen und gleichzeitig mit „Gambeij“ chinesisch anzustoßen, wobei immer auf Ex ausgetrunken wird. Drei Tage später verabschiedete man uns bereits wieder bei einer Teezeremonie in Helens Wohnzimmer, zu der David eine Kostprobe des Saxophonspiels abgeben durfte.

Am Abreisetag hatten wir uns im Hotel verabredet und Caro kam im Taxi mit ihren zwei Koffern vorgefahren. Die hätte sie schlecht über die Bahngleise ziehen können. Da wir auch noch einen großen Koffer hatten, orderte das Hotelpersonal sofort ein zweites Taxi. Mein Mann und Caro räumten daraufhin die Koffer und eine persönliche Kiste des ersten Taxifahrers so lange um, bis alles in einem Auto untergebracht war. Schließlich war das letzte Geld nur noch für eine Taxifahrt zum Flughafen ausreichend.

 

Sylvia Mielecke

 

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