Zum Kaffeekränzchen bei der Berliner Oma

Zum Kaffeekränzchen bei der Berliner Oma

Unsere Oma mütterlicherseits war eine resolute Frau. Nur 1,50 m groß infolge einer Kinderlähmung im Kleinkindalter und daher kaum zu sehen, war sie aber keinesfalls zu überhören. Leute, die zu sehr auf den Putz hauten, wurden zunächst mit der Bemerkung „Nun gib mal nicht so an“ eingeschüchtert und dann in Grund und Boden geredet.

Sie wurde noch im vorletzen Jahrhundert geboren, wie wir des Öfteren bemerkten, Omas Mann jedoch schon im 20. Jahrhundert. Das war dem ersten Weltkrieg mit seinem nachfolgenden Männermangel geschuldet; Oma beklagte ihren Altersvorsprung von fünf Jahren vor allem wegen mangelnder Manieren bei einem so jungen Mann.

Antiquiert war sie kein bisschen, in ärmlichen Verhältnissen wuchs sie in Wohlmirstedt auf, einige Geschwister starben schon im Säuglings- und Kleinkindalter. Ein großes Selbstbewusstsein bewies sie bereits als ganz junge Frau als sie per Bahn in Magdeburg eintraf, wo sie bei einer wohlhabenden Familie als Hausmädchen arbeiten sollte. Nach einem Blick auf Magdeburg stand fest, dass diese Stadt ihr nicht gefiel. Berlin war sicher viel reizvoller und kurzerhand fuhr sie weiter nach Berlin, wo sie keine Menschenseele kannte. Als erstes ließ sie sich die langen Haare abschneiden; ein Bubikopf war für damalige Zeiten fast revolutionär.

Sie ging in Stellung bei einer gut betuchten Familie in Charlottenburg am Savignyplatz, das hieß den ganzen Tag putzen und Kinder betreuen. Aus dieser Zeit stammte auch ihre des Öfteren an uns ergangene Aufforderung, wenn nötig mit dem kleinen Finger in die hinterste Ecke zu fassen, um auch das letzte Staubkörnchen hervorzuholen. Die Anstellung endete erst als sie Ende der 20-er Jahre unseren Opa, einen Schneider und späteren Schneidermeister mit eigenem Laden kennenlernte. Nun war sie Hausfrau und hielt ihm den Rücken frei für die Maßschneiderei, wohlgemerkt für Damen. Ganz extrem war ihre Entscheidung in den 30-er Jahren ihre eigenen Kinder nicht taufen zu lassen. Das gab es damals gar nicht.

Anfang der 70-er Jahre waren wir drei Enkelkinder schon etwas größere Schulkinder. Wir mochten unsere Oma sehr, denn sie war sehr kinderlieb, lustig und verwöhnte uns, wenn wir die Großeltern besuchten. Am liebsten erinnere ich mich an die Kaffeerunden bei ihnen mit meinen Geschwistern und meiner Mutter, die, wann immer wir es einrichten konnten, an Mittwochnachmittagen in ihrer Friedrichshainer Altbauwohnung abgehalten wurden.

Wenn unsere Mutter gegen 15 Uhr nach der Arbeit zu Hause eintraf, standen wir schon hübsch gemacht wie die Orgelpfeifen auf dem Flur. Wir wohnten damals in Mitte und los ging es relativ zügig zum U-Bahnhof Märkisches Museum. Zwei Stationen waren es in der Bahn mit den roten Ledersitzen und den lackierten Holzverkleidungen bis zum Alexanderplatz, dort stiegen wir in die damalige Friedrichsfelder Linie. Nach 5 Stationen mussten wir auf dem Bahnhof Samariterstraße den Zug verlassen und den hinteren rechten Treppenaufgang nutzen, um in die G. Str. zu gelangen. Wir versuchten auf dem Fußweg ans andere Ende der Straße möglichst nicht in Hundehäufchen zu tappen, um unserer Oma keinen Nährstoff zu einem ihrer Lieblingsthemen zu geben – ihre Vierbeiner liebenden Friedrichshainer Mitmenschen, die aber nicht die Häufchen ihrer Lieblinge beseitigten. Noch eine Treppe hoch im immer kühlen und etwas dunklen Hausflur und wir konnten freudig auf die Klingel drücken.

Die Oma begrüßte uns laut und wortreich, unser Opa grinste mehr in sich hinein und hielt sich im Hintergrund. Der von Hand gebrühte Bohnenkaffee verbreitete seinen Duft in der ganzen Wohnung. Er befand sich in einer großen, bauchigen Porzellankanne mit Blütenmuster. Ein stark gepolsterter Kaffeewärmer hatte die Kanne während des Kaffetrinkens warm zu halten. Unsere Großeltern hatten den Wohnzimmertisch schön gedeckt, auf einer weißen Tischdecke stand für jeden ein Sammeltassengedeck. Das war feinstes Porzellan, in jahrelanger Sammelleidenschaft im Porzellangeschäft des Nachbarhauses erstanden, jedes Gedeck unterschied sich in Muster und Farbe vom anderen. Die geschwungenen Tassen standen auf zierlichen Sockeln und hatten einen leicht verschnörkelten Griff, vieles war mit Goldrändern verziert.

Bestimmt würde Oma sich im Grabe umdrehen, könnte sie die heutige Kaffepötte- und Kaffebecherkultur erleben.

Unsere Oma hatte Kuchen- und Tortenstücke beim genau gegenüber befindlichen Bäcker W. gekauft und diese auf einer gläsernen, runden Platte angeordnet. Ich aß am liebsten Windbeutel mit Schlagsahne, ein Eclair oder eine Napoleonschnitte, eine Spezialität, die heute kaum noch hergestellt wird. Zum Kaffe unterhielt man sich angeregt, natürlich führte Oma das Wort. Sie informierte sich über die Schule, unsere Freizeitaktivitäten und unsere Freundinnen und Freunde. Nicht fehlen durfte eine Geschichte aus Omas Friedrichshainer Hausfrauenumfeld, z.B. wie sie den Fleischer- oder Gemüseladen aufmischte, wenn etwas nicht nach ihrer Nase war.

Dem Kaffeetrinken folgte ein Brettspiel, meistens „Die böse sieben“ oder „Mensch ärgere dich nicht“. Es ging lustig zu und Oma kommentierte vieles lautstark, sie achtete aber auch auf den ordnungsgemäßen Spielablauf. Mit den Worten „Erst trudeln, dann setzen“ wurden wir wenn nötig ermahnt.

Wenn Oma meinte, uns noch nicht genug verwöhnt zu haben, durften wir noch eine Schrippe mit selbst ausgelassenem Schmalz essen. Unsere Oma hatte zeitlebens weder Waschmaschine noch Kühlschrank, so wurde das Schmalz in der Speisekammer in einem Steinguttopf aufbewahrt. Ich konnte diesem Angebot natürlich nicht widerstehen.

Nach ein einhalb bis zwei Stunden hieß es, die Heimfahrt anzutreten, denn bald würde auch unser Vater nach der Arbeit zu Hause eintreffen. Bei der Verabschiedung der Großeltern freute ich mich schon auf unser nächstes Kaffetrinken. Auf dem Balkon stehend winkten sie uns noch nach, bis wir um die Ecke bogen.

Ich liebe es heute noch, gemütlich Kaffee zu trinken und ab und an gönne ich mir dabei einen Windbeutel mit Schlagsahne und denke an unsere Großeltern.

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